Ein persönlicher Rückblick auf die frühen Jahre der Stukenbrocker Weiberfastnacht

(mt) Meine älteste Erinnerung an die Stukenbrocker Weiberfastnacht reicht weit zurück. Mein Elternhaus an der Hauptstraße 14 war noch ziemlich neu, und ich stand als vierjähriger Dötz im modernen Elternschlafzimmer. Ich erinnere das noch ganz genau, ich kam aus dem Staunen einfach nicht heraus. Unsere Mutter wickelte sich ein Ungetüm aus meterlanger, breiter weiß‑grüner Schützenfahne um ihren Körper. Was konnte das bedeuten?
Dann schmierte sie sich ausgerechnet braune Schuhcreme ins Gesicht – mein Mund stand inzwischen sperrangelweit offen – und schließlich setzte sie sich die neue Bodenvase aus Ton, die sonst im Flur stand, auf den Kopf.
Karneval. Genauer gesagt: Weiberkarneval.
Ihr Kostüm stellte eine Frau aus einem afrikanischen Land dar, die mit ihrem Kanga und dem Wasserkrug auf dem Kopf zur nächsten Quelle unterwegs war. Vielleicht wollte sie aber auch einfach nur ihren in der Nachkriegszeit fülliger gewordenen Körper mit all dem Stoff kaschieren.
Später erzählte sie kichernd, sie habe sich gewundert, dass eine andere Frau – mit deutlich weniger Stoff am Leib – sehr viel mehr Aufmerksamkeit bekommen habe. Da war sie wohl schon leicht beschwipst, aber ausgesprochen gut gelaunt.
Zehn Jahre später, genau gesagt 1969, gab es dann den ersten Sturm auf die neue Gemeindeverwaltung um 11.11 Uhr und einen Umzug durchs Dorf. Da war ich selbst zum ersten Mal dabei. Ein Zeitungsfoto mit der legendären Marlis Brink in der Bütt liefert den Beweis.
Wenn wir heute mit denen sprechen, die als Zehnjährige schon in den 50er Jahren dabei waren, so berichten sie uns von einem reinen Kneipenkarneval. Sie zogen durch das Straßendorf Stukenbrock – damals wie heute berühmt für seine Kneipendichte – und zum Abschluss gab es im „Kühlen Grund“ eine Karnevalsaufführung: Büttenrede, Tanz, kleine Vorführungen.
Ob mit Kindern und Männern oder später überwiegend unter Frauen – sie hatten immer ihren Spaß. Hauptsache raus aus dem Alltag, Sorgen vergessen, Dönnekes erzählen, lachen und tanzen.
Ein wichtiger Hinweis zur Geschichte
Immer wieder tauchen Fotos auf, die angeblich die frühe Weiberfastnacht zeigen. Tatsächlich zeigen viele dieser Bilder aber den Karnevalsumzug von 1953, dem Jubiläumsjahr „800 Jahre Stukenbrock“. Angeführt wurde er von Karl Feik und seiner Verlobten Lieschen Antpöhler als Prinzenpaar – und er hatte nichts mit der späteren Weiberfastnacht zu tun.
Die Weiberfastnacht entstand erst einige Jahre später, als die Nachbarfrauen bei Westhoffs gemeinsam eine Karnevalssendung im Fernsehen sahen und die geschäftstüchtige Lucie Westhoff appellierte:
„Was die können, können wir doch auch.“
Und damit fing alles an.

Aber Vossis Schlips scheint noch komplett?
Foto: Stadtarchiv Schloß Holte-Stukenbrock, Sammlung Engelbert Kruse, unverzeichnet.

