
Vom Kriegerdenkmal von 1926 zum Mahnmal für „Leben und Frieden“
(ja) Am Samstag, den 22. August 2026, jährt sich ein bedeutendes Ereignis der Stukenbrocker Ortsgeschichte zum 100. Mal: Am 22. August 1926 wurde an der Südseite der St.-Johannes-Baptist-Kirche das erste Stukenbrocker Kriegerdenkmal feierlich eingeweiht. Acht Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erinnerte es an die Männer aus Stukenbrock, die im Krieg gefallen waren.
Die Geschichte dieses Denkmals ist zugleich eine Geschichte des Erinnerns, die bis in die Gegenwart reicht.
Im Rahmen des Schützenfestes von Stukenbrock vor einer Woche, wurde auch bei der Kranzniederlegung der St. Johannes Schützenbruderschaft Stukenbrock dieses Tages gedacht.
1926: Ein Denkmal für die Gefallenen
Die ersten konkreten Schritte für das Ehrenmal wurden bereits im Jahr 1925 unternommen. Am 10. Juni beantragte der Stukenbrocker Kriegerverein beim Kirchenvorstand, einen Teil der Kirchhofsmauer für ein Kriegerdenkmal nutzen zu dürfen. Der Antrag wurde am 29. Juni genehmigt. Am 6. Juli 1925 erfolgte die Grundsteinlegung.
Im folgenden Jahr entstand an der Südseite der Kirche ein eindrucksvoller Sandsteinbau. Das kapellenähnliche Ehrenmal besaß ein schiefergedecktes Dach, das von einer Kugel und einem Kreuz gekrönt wurde. Auf einer steinernen Tafel waren die Namen der gefallenen Stukenbrocker festgehalten. In den überlieferten Unterlagen ist von 105 Gefallenen die Rede.
Die Einweihung am 22. August 1926 war eine große öffentliche Feier. Chöre sangen, eine Musikkapelle spielte, Kränze wurden niedergelegt und Ansprachen gehalten. Auch der damalige Zeitungsbericht vom 23. August 1926 vermittelt einen Eindruck von der Bedeutung, die dem neuen Ehrenmal damals beigemessen wurde.
Die Sprache jener Zeit war dabei stark vom Ersten Weltkrieg und dem damaligen Verständnis von soldatischem Opfer geprägt. In den Reden wurde von Tapferkeit, Treue, Kameradschaft und den Gefallenen als „Helden“ gesprochen. Heute, ein Jahrhundert später, schauen wir mit größerem zeitlichem Abstand auf diese Worte. Hinter den Namen auf der Tafel standen keine abstrakten Zahlen, sondern Menschen – Söhne, Ehemänner, Väter und Brüder, deren Leben durch den Krieg beendet wurde.

Das Ende des ersten Ehrenmals
Rund 40 Jahre blieb das historische Kriegerdenkmal an der St.-Johannes-Kirche bestehen. Dann veränderte sich das Umfeld grundlegend. Wegen der Straßenverbreiterung und des zunehmenden Verkehrs musste das Ehrenmal 1966 weichen.
Doch die Erinnerung verschwand nicht. Die Sandsteintafel mit den Namen der Gefallenen wurde an der Südseite der Kirche angebracht und befindet sich dort bis heute. Auch andere Teile des ursprünglichen Denkmals blieben erhalten. Das frühere Kreuz wird heute im Heimathaus des Heimatvereins aufbewahrt.
Hinter der Gedenktafel an der Kirchenmauer wurde zudem ein Schriftstück eingemauert, das die Namen der Erbauer des Denkmals von 1926 nennt. Ein weiteres Schriftstück aus dem Jahr 1967 wurde ebenfalls dort hinterlegt.
1968: Eine neue Botschaft
An der Holter Straße entstand anschließend ein neues Ehrenmal. Der von Bruno Buschmann aus Oerlinghausen gestaltete Findling wurde am 14. August 1967 aufgestellt; die feierliche Einweihung fand am 11. August 1968 statt.
Der etwa 13 Tonnen schwere Findling trägt ein Bronzerelief. Es zeigt die drei Jünglinge im Feuerofen. Auf der Gedenkplatte stehen zwei prägnante Worte, die heute vielleicht stärker denn je für den Sinn dieses Ortes stehen:
„Leben und Frieden“
Zwischen dem ersten Denkmal von 1926 und dem neuen Ehrenmal von 1968 liegen die Erfahrungen eines weiteren Weltkriegs. Damit veränderte sich auch die Botschaft des Gedenkens.
Das heutige Ehrenmal erinnert nicht an den Krieg als etwas Erstrebenswertes. Es erinnert an die Menschen, die unter Krieg leiden mussten, und mahnt zugleich zu Frieden und Versöhnung.
100 Jahre später
Wenn in Stukenbrock der Menschen gedacht wird, deren Namen mit der Geschichte der beiden Weltkriege verbunden sind, stehen deshalb nicht nur historische Ereignisse im Mittelpunkt.
Es geht auch um die Frage, was wir aus dieser Geschichte gelernt haben.
Vor 100 Jahren standen Menschen an der St.-Johannes-Kirche vor einem neu errichteten Denkmal und gedachten der Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Nur 13 Jahre später begann der Zweite Weltkrieg. Wieder verloren Menschen ihr Leben, wieder wurden Familienauseinandergerissen und wieder wurden Namen zu Erinnerungszeichen.
Heute wissen wir, dass hinter jedem Namen ein persönliches Schicksal steht. Die Menschen auf den Gedenktafeln waren nicht der Krieg. Sie waren Menschen, die in einen Krieg gerieten und dafür mit ihrem Leben bezahlen mussten.
Gerade deshalb hat der Ort seine Bedeutung behalten.
Das Gedenken an die Toten soll nicht den Krieg verherrlichen. Es soll daran erinnern, was Krieg mit Menschen und Familien macht – und daran, dass Frieden nicht selbstverständlich ist.
Ein Gedenktag mit einer Botschaft für die Gegenwart
100 Jahre nach der Einweihung des ersten Stukenbrocker Kriegerdenkmals hat sich die Form des Gedenkens verändert. Geblieben ist die Verantwortung, die Erinnerung wachzuhalten.
Die beiden Worte auf dem heutigen Ehrenmal bringen diese Verantwortung auf eine einfache Formel:
Leben und Frieden.
Sie sind Erinnerung an die Toten, Mahnung an die Lebenden und zugleich Hoffnung für kommende Generationen.
Wenn am Samstag, 22. August 2026, an den Tag vor 100 Jahren erinnert wird, bietet er nicht nur Anlass, auf ein Ereignis der Stukenbrocker Geschichte vor 100 Jahren zurückzublicken. Er lädt auch dazu ein, sich bewusst zu machen, was Frieden bedeutet – und warum es sich lohnt, ihn zu bewahren.
Denn wenn in weiteren 100 Jahren Menschen an diesem Ort stehen, sollte die Hoffnung nicht darin bestehen, neue Namen auf einer Gedenktafel lesen zu müssen. Sondern darin, sagen zu können:
Wir haben verstanden.
Leben und Frieden.




