Ein Jubiläum, das mit einem Zufallsfund begann
(mt) Der Anlass für das große Festwochenende war ein unscheinbares Dokument: Ein Grenzprotokoll aus dem Jahr 1526 nennt erstmals einen Ort namens „Stukenbrock“ – und datiert ihn fünf Jahre früher als bisher angenommen. Damit wurde deutlich: Dieses Dokument ist fast 500 Jahre alt, ein halbes Jahrtausend.

Wenn das kein Grund zum Feiern war. Dazu sollte eine Chronik her. Aus der ursprünglich geplanten Festschrift wurde schließlich ein umfangreiches Buch: „Fundstücke. Neue Entdeckungen Stukenbrocker Geschichte“. In nur neun Monaten erarbeitete die Stukenbrocker Geschichtswerkstatt einen Autorenband, herausgegeben von der Ortsgemeinschaft.
Der Auftakt des Jubiläumswochenendes setzte gleich ein starkes Zeichen: Vor dem Festzelt schaltete das WDR‑Fernsehen live in die „Lokalzeit“ und interviewte Henrik Fockel zu seinem Fund – dem Auslöser des gesamten Jubiläums.
Während draußen zwischen Kirche und Kruskotten die Kirmesmeile gut besucht war, füllte sich das Festzelt. Nach einer Reihe von Grußworten der Ehrengäste hielt Domvikar Hans Jürgen Rade die Festrede. In einer eindrucksvollen Zeitreise führte er die Besucher auch zurück ins 16. Jahrhundert – auf den neuen Vogtshof und in eine Epoche zwischen Reformation und Gegenreformation, die im Vierländereck besondere Bedeutung hatte. Mit seiner Zeitreise überraschte er vor allem die Geschichtswerkstatt: Einige seiner Einordnungen und Funde boten nämlich neue Einblicke in die Zeit zwischen Reformation und Gegenreformation im Vierländereck.
500 Jahre Entwicklung: Vom Brechtme zur Stadt
Vor einem halben Jahrtausend bestand ein flächenmäßig großes Gebiet in der Senne aus 18 verstreuten Höfen einzelner Heidebauern. Das Brechtmer Holz, ein großer Wald, bildete das Zentrum der frühen Siedlung. Darin, an der heutigen Römerstraße, lagen Vogtshof, Kirche und Friedhof.
Hinter dem errichteten Vogtshof hin zur lippischen Grenze befand sich ein Hofstück im Buchenhochwald, das „Stukenbrock“ genannt wurde. Dieser Name setzte sich nach und nach durch und verdrängte – wie Stiewe schon 1953 schrieb – den älteren Begriff Brechtme.

Extra für das Jubiläum kreiert und am Stukenbrocker Abend uraufgeführt: die Möckerland‑Hymne unseres Stukenbrocker Lokalmatadors und Singer‑Songwriters Matze Nagel – ein Stück augenzwinkernder Heimatfolk. In einer amüsanten Persiflage schaut er dabei zurück in die 1980er Jahre seiner Jugend, als es in Stukenbrock schon Hamburger bei Herms gab und „Himmel und Erde“ nur noch den Alten schmeckte.
Plattdöütsk höürt to us‘ un we witt datt nicht in Vergätenheit kumt
Als Abschluss des Möckerländer Teiles erinnerten Michael Bahners und Wilfried Lüke an die Sprache, die hier über Jahrhunderte den Alltag prägte – in einer Zeit, in der der Pastor lateinisch predigte und Hochdeutsch kaum jemand verstand. Beide sprangen in letzter Minute ein und verfassten eigens neueTexte – so wie „Stouken aus eenen Brauk“ -, und das aus reiner Verbundenheit zu einer Sprache, die Menschen wie sie braucht, damit sie lebendig bleibt. Plattdeutsch muss gepflegt, bewahrt und weitergegeben werden – und gehört deshalb unbedingt zu einem historischen Jubiläum wie diesem. Für viele Gäste war der Tag lang und dicht gefüllt, und der Vortrag kam erst spät am Abend. Dass ihre Worte dennoch aufgenommen wurden, zeigt die Wertschätzung für die plattdeutsche Sprache.

Samstag: Ein Festumzug zeigt, wie selbstverständlich die Stadt zusammensteht
Der große Festumzug am Samstag wurde zu einem lebendigen Bild der Stadt: Vereine, Gruppen, Institutionen, Firmen und ihre Belegschaften präsentierten sich – ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie vielfältig und engagiert Schloß Holte‑Stukenbrock heute ist. Ob gemeinnützige Vereine aus Freizeit, Sport, Bildung oder Flüchtlingshilfe, ob jahrhundertealte ortsansässige Betriebe mit weltweiten Filialen – sie alle zeigten, welche Entwicklung diese Stadt genommen hat.
Wenn man bedenkt, dass die ersten Sennesiedler einst in bitterer Armut lebten – erste Generation: tot, zweite Generation: Not, dritte Generation: Brot – dann darf man heute mit Recht stolz sein. Stolz auf das, was diese Stadt geworden ist. Gerade im Bewusstsein der Geschichte, aus der sie gewachsen ist. Und dieses Bewusstsein für unsere Wurzeln ist spürbar – und zu unserer Freude wächst es weiter.
Sonntag: Maibaum, Sonne und Live-Musik für alle
Der Sonntag setzte dem Jubiläum die Krone auf. Zusammen mit dem Stadtfest entstand ein Tag, wie man ihn hier lange nicht erlebt hatte.
Bei strahlendem Sonnenschein spielte eine Düsseldorfer Brass Band live auf, und schon nach den ersten Takten tanzten und sangen die Menschen mit – Jung und Alt, Alteingesessene und Neubürgerinnen und Neubürger, Familien, Vereine, Nachbarschaften.
Mir war, als würde die Musik dieses Wir‑Gefühl vertiefen – ein Empfinden von Gemeinschaft, das an diesem Tag besonders lebendig war. Draußen, zwischen dem frisch gesetzten Maibaum und der barocken Kirche, entstand ein Moment, der alles bündelte: Gesang und Tanz unter dem „frischen“ Maibaum, der das Miteinander sichtbar machte. In vielen Gesprächen klang später Dankbarkeit an – und die Freude darüber, wie gut dieser Tag der Stadt getan hat. Manche ließen sogar durchblicken, dass sie sich solche Momente des Miteinanders gern wieder einmal wünschen würden.
Abbildungen:
Fotografen NITSCHKE; privat